Innere Sicherheit ...

Innere Sicherheit ...

Am Theater der Stadt Aalen lesen wir gerade oft, dass Wissenschaftler*innen Krisen als besonders geeignet für Neuerungen halten. Für unsere Autor*innen heißt es aber erstmal, dass ihr brandneuen Stücke nicht zu sehen, und dadurch ihre Stimme auch nicht zu hören ist. Hier ein kleiner Beitrag, um die Zeit zu überbrücken, bis wir die Inszenierungen ihrer Stücke wieder zeigen können.

Tina Brüggemann, Chefdramaturgin: Was bedeutet „innere Sicherheit“ für dich in dieser Zeit?

Dagrun Hintze, 4. Mai 2020 (Gekommen, um zu bleiben, 2. Teil von Johanna im Ratssaal):
Eigentlich bin ich in Krisen nicht schlecht. Als freie Autorin – ohnehin darin geübt, nicht zu wissen, wie es morgen weitergeht – kann ich die Zumutungen des Lebens annehmen und auch in schwierigen Situationen handlungsfähig bleiben – Psychologen würden wohl von "Selbstwirksamkeit" sprechen. Diese Krise verdammt mich jedoch dazu, auf dem Sofa zu sitzen, und das bringt mich immer wieder fast um den Verstand. Insofern bedeutet "innere Sicherheit" in dieser Zeit für mich vor allem, innerlich stabil zu bleiben. Literatur hilft dabei. Und das Nachdenken über Projekte, die einen konstruktiven Beitrag leisten könnten. Künstler*innen leiden im Moment auch unter dem Gefühl, als nicht "systemrelevant" wahrgenommen zu werden. Aber man wird sie dringend brauchen, wenn es darum geht, gemeinsam herauszufinden, wie wir nach Corona weitermachen wollen."

Lorenz Hippe 4. Mai 2020 (BAM! Ich bin glücklich!):
Innere Sicherheit, die gibt es nur mit Veränderung. Wenn man bereit ist, Dinge anders anzugehen als vorher. Das gilt für die Krise, aber vor allem für die Zeit nach der Krise. Wie wollen wir leben? Wie werden wir mit den nächsten lebensbedrohlichen Krisen umgehen? Wie organisieren wir eine Zukunft, in der sich die Rohstoffe im Kreislauf befinden, anstatt für immer verbraucht zu werden? Wie erreichen wir Freiheit und Gerechtigkeit? Wie kann ich das schätzen, was ich habe, was ich bin und nicht immerzu auf das sehen, was mir fehlt, was ich nicht bin? Was kommt nach dem Geld? Die Kinder, die wir 2019 für „BAM! Ich bin glücklich!“ in Aalen befragt hatten, erzählten, wie Glück entsteht, wenn man Krisen überwindet. Ich finde, sie haben recht."

Olivier Garofalo, 6. Mai 2020 (Warte nicht auf den Marlboro-Mann):
Für mich ist es wichtig, weiterhin und vielleicht gerade jetzt besonders, möglichst unabhängig zu leben, mir selbst meine eigene innere Sicherheit zu schaffen. Mich emotional und rational zu den verschiedensten Dingen zu verhalten. Wohlwissend, dass das Leben grundsätzlich unsicher ist. Aber auch muss endlich verstanden werden, dass die innere Sicherheit eines Staates nicht durch Restriktionen, durch geschlossene Grenzen oder Datenspeicherung garantiert wird. Nach dieser Erfahrung muss die Solidarität ins Zentrum unseres Denkens und Handelns rücken. Was irgendwo auf diesem Planeten passiert, holt uns früher oder später ein. Wenn unsere Art zu leben anderswo zu Armut führt, Kriege auslöst, das Klima zerstört wird, werden wir hier die Folgen spüren. Wir müssen uns bewusst sein, dass unser Handeln stets Folgen für andere hat. Im Kleinen wie im Großen.

Lisa Sommerfeldt, 8. Mai 2020 (Wing Suit):
Am Anfang war Corona ein fast apokalyptisches Gefühl. Eine unsichtbare Gefahr, unerforscht, schwierig einzuschätzen. Die Kinder zu Hause. Lockdown. Seltsam und schön, sich auf das Wesentliche zu reduzieren. Dann Berichte von Hirschen, die durch Vororte von Paris flanieren. Das Foto eines Pumas, der durch das menschenleere Santiago de Chile streift. Kaum Flugzeuge am Himmel. Mehr Fahrräder als Autos auf den Straßen. Irritation des Kapitalismus: Unproduktivität, Häuslichkeit, Entschleunigung als neue Tugend. Der Blick in eine utopische, aber mögliche Zukunft. Diese Pandemie gibt uns ein Gefühl von Gleichheit, denn sie betrifft uns alle. Sie wirft uns auf unser Menschsein zurück. Und wie im Brennglas lenkt sie den Blick auf die Ungerechtigkeit im bestehenden System. Auf die schlechte Bezahlung der Menschen, die die Gesellschaft am meisten braucht. Und auf den Gender Pay Gap, der mit dem aufgestockten Kurzarbeitergeld vergleichbar ist. Dennoch ist es ein Privileg, diese Krise in Deutschland zu erleben. Gut informiert, in einer stabilen Demokratie, haben wir ein hohes Maß an innerer Sicherheit. Es ist aber eine nationale, nicht einmal europäische Sicherheit. Wenn ich meinem Sohn nach dem Zoom-Meeting seine geschnittenen Äpfelchen bringe, denke ich an die Kinder in Moria. Und daran, wie leicht es wäre, ihnen zu helfen.