Spielzeitmotto: Innere Sicherheit

Innere Sicherheit

Innere Sicherheit

Das Vorwort zur Spielzeit

Liebes Publikum,

„das Leben ist lebensgefährlich“ stellte Erich Kästner in gewohnt lakonischer Manier fest. Und tatsächlich, fast 50 Jahre nach dem Tod des berühmten Pazifisten, erleben wir unsere Zeit wieder zunehmend als bedrohlich. Ob im Alltag gerechtfertigt oder nicht: Der Wunsch nach Sicherheit ist allseits präsent. Sie kommt aber nicht von alleine und schon gar nicht für jede*n durch die gleichen Maßnahmen. Sicherheit entsteht potentiell auf Kosten von Freiheit und wird von jedem anders wahrgenommen. In Deutschland sichern diverse (staatliche) Institutionen das Zusammenleben – das subjektive Gefühl und das Verhalten des Individuums können diese jedoch nur sehr indirekt beeinflussen. Und jetzt? Woher nehmen und nicht stehlen – das Vertrauen, dass alles der goldenen Regel folgend gut ist? Grund genug, sich in der Spielzeit 2019/20 dem Thema „innere Sicherheit“ als relativem Zustand zu widmen. Mit drei Uraufführungen, einer Lesereihe, Schiller, Büchner und Aschenputtel gehen wir ihr auf den Grund.

In Warte nicht auf den Marlboro-Mann (UA von Oliver Garofalo) muss eine Frau, die in der Rüstungsindustrie arbeitet, den Tod ihres schwer verletzten Partners fürchten. Ob am Handy mit einem potentiellen Großkunden oder im Gespräch mit seinem besten Freund: Sicherheit gibt es für sie weder in der Liebe noch in der Sprache, sondern ausschließlich in der Erledigung ihrer todbringenden Arbeit. In Wing.Suit (UA von Lisa Sommerfeldt) und Kleine Eheverbrechen (Eric-Emanuel Schmitt) eruieren wir auf denkbar unterschiedliche Weise, welche Auswirkung verlorenes Vertrauen in der Liebe auf die persönliche innere Sicherheit hat. BAM! Ich bin glücklich! (UA von Lorenz Hippe) erforscht Möglichkeiten und Grenzen der gefühlten Sicherheit von Kindern in realen und virtuellen Welten, Johanna im Ratssaal unsere persönliche und politische Sicherheit hier in Aalen auf der Folie von Schillers „Die Jungfrau von Orléans“. Das Heimatkleid (Kirsten Fuchs) zeigt, wie die Sehnsucht nach starker Zugehörigkeit und Anerkennung unser Gefühl für den Anstand korrumpieren kann. Leonce und Lena schrieb Büchner schon 1836mit einem so scharfen wie klaren Blick auf die wechselseitige Beziehung zwischen Sicherheit und Freiheit auf der staatlichen Ebene –sein Aufruf zur Muße ist mehr als wohltuend. Einen besonders aktuellen Bezug zur Polarität von Freiheit und Sicherheit wollen wir in unserer gleichnamigen Lesereihe herstellen: Furor von Hübner/Nemnitz, anlässlich der Ausstellung zum Mauerfall im Schloss Fachsenfeld, Der Zorn der Feiglinge von Rachid Benzine und Meinen Hass bekommt ihr nicht von Antoine Leiris seien hierfür schon mal exemplarisch genannt.

Die kommende Spielzeit am Theater der Stadt Aalen steht nicht nur im Zeichen dreier Uraufführungen, sondern auch des Übergangs in den Kulturbahnhof. Sie ist also stärker als sonst ein Aufbruch ins Neue. Um jetzt aus Ungewissheiten Möglichkeiten zu machen, ist es besonders wichtig, sich seiner Selbst gewiss und damit seiner Menschenrechte und Menschenpflichten (Assmann) bewusst zu sein. „Innere Sicherheit“ beinhaltet die hoffentlich lustvolle Aufforderung an uns alle, sich der Vielfalt und Komplexität unserer Welt im Kleinen und im Großen zu stellen.

Wir zumindest sagen „viel Spaß“ mit der kommenden Spielzeit und seien Sie sich sicher, dass auch in 2019/20 Theater vor allem Ihrer Langeweile schadet!

Ihr Leitungsteam

Tonio Kleinknecht, Tina Brüggemann, Winfried Tobias